Selbstversorger-Garten – Was ist das?

Selbstversorger-Garten

Auf dem Weg zum nachhaltigen Leben mit und in der Natur, markiert der selbst bewirtschaftete Nutzgarten den ersten Meilenstein zur vollkommenen Unabhängigkeit. Anfänger setzen hier auf eine ausgefeilte Kombination aus Mischkultur, ökologischem Pflanzenschutz und artgerechter Nutztierhaltung, um sich die Verantwortung für ihre Ernährung zurückzuholen. Jenseits glorifizierender Träumereien, kommt eine fundierte Planung zum Tragen mit einem Minimum an Theorie und einem Maximum an Pragmatismus. Dieser Leitfaden beleuchtet die fundamentalen Kriterien für einen erfolgreichen Selbstversorger-Garten.

Selbstversorger-Garten – Definition

Selbstversorger-Garten ist weit mehr, als ein sich selbst erklärender Begriff. Tatsächlich handelt es sich um ein hochaktuelles Lebenskonzept, basierend auf einer historischen Entwicklung, die ursprünglich das blanke Überleben der Familie sichern sollte. Seit den 1970er Jahren verlieh der charismatische Pionier der Selbstversorgung, John Seymour, dem Konzept mit seiner Definition eine übergeordnete Dimension. Er sah die Selbstversorgung als einen Gegenentwurf gegen die Kultur der Abhängigkeit, die einen Menschen seiner Würde und Selbstachtung beraubt. Weniger philosophisch, dafür pragmatisch und Anfänger-geeignet, umschreibt die folgende Definition den Selbstversorger-Garten:

Selbstversorger-Garten ist der Ausgangspunkt für eine Vollversorgung der Familie, die ganzjährig ohne Zukäufe von außen auskommt. Die im Nutzgarten angebauten Nahrungsmittel, deren Vorratshaltung und Konservierung bilden überdies die materielle Basis für eine unabhängige Lebenshaltung im Einklang mit der Natur.

Diese Definition signalisiert, dass der eigene Nutzgarten der erste Schritt ist auf dem Weg zu einem autarken Leben. Im gleichen Zug eröffnen sich mannigfaltige Interpretationen und Optionen der Verwirklichung. Allen Umsetzungen gemeinsam sind die enge Verbundenheit mit der Natur und der konsequente Verzicht auf Umweltgifte aller Art. In letzter Konsequenz geht die Selbstversorgung weit über den Nutzgarten hinaus. Um eine Vollversorgung zu realisieren, kommt beispielsweise die Haltung von kleinen Nutztieren hinzu, wie Kaninchen, Hühnern, Schafen und Schweinen. Hoch im Kurs stehen überdies Bienenstöcke für die Honigernte sowie Wildbienenhäuser, um lebenswichtige Bestäuber in den Garten zu locken.

Wichtige Komponenten

Längst hat der Selbstversorger-Garten den Nimbus als Aussteiger-Paradies abgeschüttelt. Wer heute als Anfänger anstrebt, seine Nahrung selbst anzubauen, hat handfeste Ziele im Kopf. Vegetarische oder vegane Ernährung ist in diesem Zusammenhang keinesfalls zwingend, denn neben einem abwechslungsreichen Nutzgarten bietet das Konzept Raum für weitere Komponenten, die den Speiseplan aufwerten mit Fleisch, Fisch, Eiern und Milch. Demgegenüber sind chemische Pflanzenschutzmittel tabu, was mithilfe von Mischkultur, organischer Nährstoffversorgung und anderen Strategien realisiert wird. Alle wichtigen Bestandteile für einen funktionierenden Selbstversorger-Garten fasst die folgende Übersicht zusammen:

  • Gemüsebeete
  • Fläche für Beerensträucher und Obstbäume
  • Kräutergarten
  • Komposthaufen
  • Wegesystem für rationelles Arbeiten
  • Sammelstelle für Regenwasser
  • Einfriedung mit Doppelfunktion als zusätzliche Anbaufläche
  • Gewächshaus
  • Geräteschuppen
  • Stall für Nutztiere
  • Optional: Teich für Fischhaltung

Um den satanischen Aspekt schweißtreibender Mühsal im Nutzgarten zu meistern, rundet eine immaterielle Komponente die Voraussetzungen für den authentischen Selbstversorger-Garten ab. Neben körperlicher Fitness ist eine gehörige Portion Leidenschaft und Beharrlichkeit unabdingbar, um die täglichen Herausforderungen zu bewältigen.

Grundlagen für die Flächenkalkulation

Die erste Hürde bei der Verwirklichung eines Selbstversorger-Gartens ist die Frage nach der richtigen Flächengröße. Mit einer allgemeingültigen Formel können selbst erfahrene Experten nicht dienen. Immerhin bietet der große Fundus historischer Erfahrungen wertvolle Daten für die Orientierung. In der Praxis hat sich dabei eine Staffelung als sinnvoll erwiesen. Der Anfänger wird zunächst eine teilweise Selbstversorgung anstreben, um seine Potenziale schließlich für eine Vollversorgung auszutesten. Als ungeübter Hausgärtner liegt die Bewirtschaftung von 100 m² in einem Rahmen, der körperlich zu bewältigen ist und die Freude an der Gartenarbeit ferner nicht zerstört. Hat sich ein erster Erfahrungsschatz angesammelt, liegt die Messlatte für eine angemessene Flächengröße bei 200 bis 300 m². Die Grenze bis zum vollständigen Verzicht auf Zukäufe aus dem Supermarkt ist dann eher fließend. Die folgenden Daten untermauern die Definition für den idealen Selbstversorger-Garten einer vierköpfigen Familie:

  • Rudimentäre Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln: 25 m² pro Familienmitglied
  • Weitgehende Unabhängigkeit von Lebensmittel-Zukäufen: 70 m² pro Familienmitglied
  • Vollständige Autarkie: 170 m² pro Familienmitglied

Bei der Bemessung der Flächengröße wird nicht unterschieden nach Erwachsenen und Kindern. In den Werten enthalten sind Arbeitswege, Kompostflächen und Regensammelstellen. Hinzuzurechnen ist der benötigte Platz für Geräteschuppen, Gewächshaus, Fischteich und Stall.

Selbstversorgung auf dem Balkon – geht das?

Der Kreis von Selbstversorgern ist nicht beschränkt auf stolze Besitzer eines Gartens. Balkongärtnern ist immerhin eine teilweise Versorgung der Familie mit frischem Gemüse, saftigem Obst und aromatischen Kräutern möglich. Unter dem Oberbegriff Urban Gardening schweben in Groß- und Kleinstädten kleine grüne Oasen über den Straßenschluchten, in denen Anfänger und Fortgeschrittene einen Nutzgarten im Miniformat bewirtschaften. Der Fachhandel hat den großen Bedarf entdeckt und bietet ein breit dementsprechend gefächertes Spektrum an Balkongemüse und Zwergobst an, einschließlich Balkon-gerechter Pflanzgefäße.

Nach dem Motto „Garteln auf kleinstem Raum“ werden die ökologischen Anbaumethoden großer Nutzgartenflächen kurzerhand angepasst. Paradebeispiel ist die Herstellung von Naturdünger. Die Aufgabe des Komposthaufens im Garten übernimmt auf dem Balkon der Wurmkompost. Weiterhin haben die Prinzipien der Mischkultur allenthalben Geltung, unabhängig von der Größe der Anbaufläche.

Was bedeutet Mischkultur?

Zu den tragenden Säulen im Selbstversorger-Garten zählt die ökologische Bewirtschaftung. Der rigorose Verzicht auf chemische Hilfsmittel für Pflanzenschutz und Nährstoffversorgung bereitet anfangs vor allem dem Anfänger Kopfzerbrechen. Wichtigste Strategie für einen naturnahen Anbau von Pflanzen ist die Mischkultur. Wer im Selbstversorger-Garten darauf verzichtet, torpediert das Gesamtkonzept. Was in der Definition umschrieben wird mit der Formulierung „im Einklang mit der Natur“ bedarf daher einer näheren Erläuterung.

Gemüsegarten Mischkultur

Genauen Beobachtungen verdanken wir die Erkenntnis, dass sich verschiedenartige Pflanzen gegenseitig fördern können im Wachstum und Allianzen bilden gegen Krankheiten und Schädlinge. Unterschiedliche Durchwurzelungstiefen oder abweichende Ansprüche an den Wasser- und Nährstoffhaushalt sprechen einer erfolgreichen Mischkultur nicht entgegen. Im Gegensatz dazu verzichtet die Monokultur auf die Vergesellschaftung unterschiedlicher Pflanzen, sodass Wachstum und Bekämpfung pathogener Erreger auf Kunstdünger und Pestizide angewiesen sind. Die folgenden Beispiele aus der Gartenpraxis konkretisieren die Funktionsweise und

Vorzüge von Mischkultur im Nutzgarten:

  • Möhre und Zwiebel: Möhren vertreiben Zwiebelfliegen – Zwiebeln vergrämen Möhrenfliegen
  • Kartoffel und Meerrettich: Meerrettich bekämpft Kartoffelkäfer
  • Bohne und Mais: Mais dient Bohnen als natürliche Rankhilfe
  • Alle Gemüsepflanzen und Maiglöckchen: Maiglöckchen schützen vor Kraut- und Braunfäule
  • Alle Gemüsepflanzen und Süßlupinen: Süßlupinen reichern den Boden mit Stickstoff an

Dies ist lediglich ein Auszug aus der langen Liste von Dream-Teams im Nutzgarten. Obschon es bislang an wissenschaftlichen Beweisen für die erfolgreichen Pflanzen-Koalitionen fehlt, bestätigen die zahlreichen Berichte von Hausgärtnern den Zusammenhang. Im Gegenzug kann die falsche Wahl im Pflanzplan den Ernteertrag spürbar beeinträchtigen. Als schlechte Nachbarn in der Mischkultur haben sich beispielsweise Tomaten und Kartoffeln erwiesen oder Möhren und Rote Beete. Fernerhin sind ganze Pflanzen-Gattungen untereinander unverträglich. Paradebeispiel sind die Kreuzblütler (Brassicaceae). Treffen Blumenkohl, Brokkoli, Rosenkohl sowie Grünkohl aufeinander, leiden Ernteertrag und Pflanzengesundheit darunter.

Fortgeschrittene Selbstversorger beziehen die Fruchtfolge in die Mischkultur mit ein. Ziel ist die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, indem dem unterschiedlichen Nährstoffbedarf der Pflanzen Rechnung getragen wird. Der Bauerngarten übt in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion aus. Der klassische Grundriss sieht 4 gleich große Beete vor, deren Bepflanzung in jedem Jahr wechselt. Im Startjahr gedeiht in Beet 1 eine Gründüngung. Im Beet 2 werden Schwachzehrer angesiedelt, Beet 3 bietet Mittelzehrern genügend Anbaufläche und in Beet 4 wachsen indes Starkzehrer. Die kommen dann im Folgejahr in den Genuss der Gründüngung, während sich die Schwachzehrer mit dem begnügen, was die Mittelzehrer in ihrem Beet übrig ließen. Das Beet der Starkzehrer wird aufgepäppelt mit einer Gründüngung.

Vorratshaltung, Konservierung und Tauschhandel

Damit der Winter den Selbstversorger nicht doch noch in den Supermarkt treibt, stellt eine gezielte Vorratshaltung in Haus und Garten die nahtlose Versorgung sicher. Lediglich ein Bruchteil der mühsam eingebrachten Ernte wird frisch verzehrt. Der überwiegende Teil muss zubereitet oder haltbar gemacht werden. Ein breit gefächertes Spektrum an Optionen mit und ohne technisches Zubehör stellt sicher, dass der Selbstversorger-Garten seine Funktion nicht nur zur Sommer- und Herbstzeit erfüllt. Traditionelle und moderne Methoden der Vorratshaltung und Konservierung haben wir im Folgenden für Sie zusammengetragen:

  • Klassische Miete im Garten für die Lagerung von Kartoffeln, Möhren oder Winteräpfeln
  • Einwecken von Obst und Gemüse
  • Einkochen von Beerenobst zu Marmelade
  • Einfrieren überschüssiger Ernte in der Tiefkühltruhe
  • Trocknen an der Luft, im Backofen oder Dörrgerät
  • Konservieren von Kräutern in Öl oder Alkohol
  • Weißkohl im Gärbehälter verarbeiten zu lange haltbarem Sauerkraut
  • Räuchern von Fleisch oder Fisch

Sie sind als Anfänger im Selbstversorger-Garten gut beraten, wenn Sie sich regelmäßig mit Gleichgesinnten austauschen. Der Austausch beschränkt sich dabei nicht auf Informationen und Erfahrungen. Indem Sie auf privater Ebene Überproduktionen aus Ihrem Nutzgarten austauschen, erweitern Sie den Speisezettel für Ihre Familie zum Nulltarif. Das steigende Interesse am Anbau gesunder Nahrung für den Eigenbedarf hat dazu geführt, dass sich in ländlichen und urbanen Regionen zunehmend Selbstversorger-Stammtische mit Tauschbörsen etablieren.